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Drei Träume und eine Hoffnung

22.01.2019

Der erste Traum

Ich wurde in einen Integrationskurs verfügt. Man sagte, man müsse wissen, ob ich arbeiten könne.

Mit einer Schere zerschnitten wir Mäuse. So leicht ging das; sie schienen aus Papier.

Konzentriert standen wir am Laufband, mit dem die Tiere durch eine gigantische Halle spediert wurden. Jeder musste einmal zerschneiden; ich war am Anfang der langen Kette, die sich durch den Raum schlängelte.

Die Mäuse waren nicht immer tot; manchmal zitterten ihre Schnäuzchen. Massive Gummihandschuhe machten uns fühllos,

und da wir bei unserer Arbeit eingeschätzt wurden (es schritten zackige Herren und Damen mit Schreibunterlagen und fixen Stiften umher), tat man es; so rasch wie möglich.

Das Gemetzel, am Ende des Laufbandes, konnte man sich gut vorstellen.

 

Der zweite Traum

Ich bin in einer Gruppe Menschen, in einem Haus, dessen Räume zerfliessen.

Einige Bewohner tragen verzerrte Clownmasken, spotten und höhnen.

Plötzlich kommt meine Mutter auf mich zu, reicht mir ein orange-rotes Sommerkleid.

Ich stehe wie gebannt vor ihr, muss bitter lächeln; das Kleid würde mir nie passen.

«Zieh es an», sagt sie sanft. Als wären wir alleine, stülpe ich das Kleid über meinen Kopf; meine Mutter steht nun nahe bei mir, zupft da und dort und strahlt.

Mein Körper beginnt sich dem Kleid anzupassen; alles beginnt in mir zu hüpfen, ich glühe, das Schmerzende fällt ab.

Ein Mann kommt auf mich zu: «Sie sind schön», sagt er. «Es ist nur ein Kleid», erwidere ich

und verlasse das Haus mit meiner Mutter.

 

Der dritte Traum

Ich werde zusehends nieder gedrückt. Es wird faul riechen und kratzen.

Eigentlich müssten wir längst erstickt sein, denke ich; platt gemacht, beim Gewicht dieser borstigen Bestie.

"Armut ist die schlimmste Form von Gewalt", soll Mahatma Gandhi gesagt haben.

 

Eine Hoffnung

Wenn alte Gedanken kommen, als hätten sie sich nur verkrochen, um jederzeit aus Ritzen quellen zu können. Die da sind: Nur wer arbeitet, soll essen.

Gab es die Zeit, in der bereits Säuglinge in die Produktionskette eingespannt wurden?

Der Kursleiter sagte, als wollte er zuschnappen: «Ihnen sollte man Disziplin beibringen!» Ich wollte fragen: Wen meinen Sie mit «man»

und können Sie mit Niederlagen umgehen und was treibt Sie an: Benzin, Diesel oder die knappen Jahre vor Ihrer Pension?

 

Und alte Gewohnheiten. Die da sind:

Die Schweiz hat eine der höchsten Raten Fürsorglicher Unterbringung in Europa.

Von Fürsorglichen Zwangsmassnahmen, über Fürsorglichen Freiheitsentzug zur Fürsorglichen Unterbringungen.

Sie hat die Worte hübsch.

(Portugal, übrigens, hat die niedrigste Rate; ich weiss, warum.)

Auch bezüglich Selbsttötung ist die Schweiz führend. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt: «überdurchschnittlich hohe Suizidrate».

 

Wir sollten Kühlplätze
in den Städten bauen; der Klimawandel schreitet munter fort. Bäume pflanzen und wachsen lassen.

Inzwischen fällen sie wieder in der Brutzeit, nachdem der Frühling die Säfte in die Verästelung getrieben hat.

Asphaltbrachen sollten vermieden werden; dort staut sich die Hitze und:

Unserer Privatsphäre käme dies zugute. Und Geschichtenrettungsstationen einrichten, schweizweit, europaweit, weltweit.

Jeden Tag ein Gedicht (oder anderes) memorieren, einander zuflüstern, wie:

«Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus.»

Saatgut einstreichen im Spätsommer. Nächsten Frühling, so der Boden wärmer und weicher wird, werden wir es nötig haben.

Die österreichische Schriftstellerin und Regisseurin Marlene Streeruwitz habe sinngemäss gesagt:

"Wer seinen Lebensunterhalt heute noch verdienen will, muss Kontrolleur werden."

Ist das eine Hoffnung?

 

Verfasserin: Gabriela Pereira, 2015

 

 
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